Stottern (lat. balbuties)

Stottern ist eine Störung des Redeflusses, welche durch häufige Unterbrechungen des Sprechablaufs, durch Wiederholungen von Lauten und Teilen eines Wortes gekennzeichnet ist. Differentialdiagnostisch muss die Sekundärsymptomatik nach der WHO von dem eigentlichen Stottern abgegrenzt werden.

Die Subtypen des tonischen und des klonischen Stotterns werden unterschieden.

Während beim tonischen Stottern das Sprechen zeitweise völlig blockiert ist (z. B. »Die T…, die T…, die Tasse«), werden beim klonischen Stottern Sprachelemente rasch aufeinanderfolgend wiederholt (z. B. »D-die T-t-t-t-t-tasse“. Wiederholt werden bei adultem Stottern die jeweiligen Initiallaute mit darauffolgendem Schwa, kindliches Stottern folgt dieser Gesetzmäßigkeit nicht). Als Mischform ist das tonisch-klonische Stottern bekannt.

Inhaltsverzeichnis:

1. Epidemiologie

2. Differentialdiagnose

3. Verlauf und Prognose

4. Ursachen

5. Therapie

5.1. Wie definiert man Heilung?

5.2. Modifikations-Ansatz

5.3. Sprechtechnischer Ansatz

5.4. Weitere Ansätze

6. Berühmte stotternde Menschen

1. Epidemiologie:

Es gibt in den meisten Sprachen einen nahezu gleichbleibenden Anteil von ca. 1% stotternden Erwachsenen, davon ca. 80% Männer und 20% Frauen. Die ungleiche Verteilung ist nicht ganz geklärt, wahrscheinlich liegt sie an verschiedenen Entwicklungsverschiebungen bezogen auf die Festigung der Feinmotorik des Sprechaktes und die Überlagerung mit Störungen der Weiterentwicklung der kindlichen Persönlichkeit. Interessant ist die Häufigkeit des temporären Stotterns bei Kindern: Hier ist sich die Literatur nicht einig: Manche Studien sagen, 50% aller Jungen stottern kurzfristig, andere tendieren zu 33% oder 20%. Bei Mädchen ist der Prozentsatz geringer, aber höher als das 80:20-Verhältnis vermuten lässt, die Zahlen gehen von 10–25% der Mädchen aus.

2. Differentialdiagnose:

Das Stottern muss vor allem vom Poltern unterschieden werden: Stottern bezeichnet das unmittelbare Stocken vor oder in einem Wort. Poltern äußert sich in überstürztem Sprechen, Verschlucken von Lauten oder hastiger, undeutlicher Aussprache; ein Stotternder hat im Gegensatz zu einem Polterer ein hohes Störungsbewußtsein

3. Verlauf und Prognose:

Der Verlauf des Stotterns zu Beginn der Störung ist individuell sehr verschieden. Schweregrad und Häufigkeit der Symptomatik können phasenweisen Schwankungen unterworfen sein. Bei kindlichem Stottern liegt die Remissionsrate bei etwa 60–80%, wobei die Remissionswahrscheinlichkeit bei Mädchen höher ist als bei Jungen. Im Jugendalter stottern daher etwa dreimal mehr Jungen als Mädchen. Mit zunehmender Störungsdauer nimmt die Remissionswahrscheinlichkeit ab. Nach der Pubertät ist keine Remission mehr zu erwarten.

4. Ursachen:

Die Ursachen des Stotterns sind nicht bekannt. Alle kursierenden Ursachenerklärungen sind hypothetisch. Grundsätzlich ist es sinnvoll, bei komplexen Verhaltensmustern zwischen auslösenden Ursachen und aufrechterhaltenden Ursachen zu unterscheiden: Auslösende Ursachen können eine genetische Disposition zu leichtem hypernervösen Verhalten, gravierende Störungen des emotionalen Gleichgewichtes und viele andere Faktoren sein. Aufrechterhaltende Ursachen sind primär die neurophysiologische Standard-Prägung des Sprechaktes in Verbindung mit der permanenten Anforderung an Stotternde, zu sprechen. Ein bei Laien und Freunden häufig auftretendes Missverständnis ist, dass man doch nur die Ursachen entdecken, also die Auslöser »verarbeiten« müsste, dann würde doch das Stottern von alleine aufhören. Dieses Missverständnis verkennt die starke Vernetzung des Stotter-Komplexes mit der Persönlichkeit des Betroffenen.

5. Therapie:

5.1.Wie definiert man Heilung?

Im Vorgriff auf ein Konfliktfeld der Stottertherapie ist es nötig, den Heilungsbegriff zu klären: Heilung kann im engeren Sinne verstanden werden als absolute Symptomfreiheit in allen Situationen. Hier ist es sinnvoll, bei Heilungsversprechungen kritisch zu sein und unabhängige Fachleute zu konsultieren, bevor man auf zweifelhafte Therapie-Ansätze setzt. Heilung kann auch verstanden werden als weitgehende Verbesserung der Stottersymptomatik. Darüber braucht allerdings nicht grundsätzlich diskutiert werden, da die Mehrheit der Therapien, die von qualifizierten Fachleuten durchgeführt wird, Heilung in diesem Sinne ermöglicht bzw. Hilfen zur Selbsthilfe, zur Verbesserung der Symptomatik bietet.

5.2. Modifikations-Ansatz:

Dieser verhaltenstherapeutische Ansatz basiert auf der Annahme, dass Stottern grundsätzlich nicht heilbar ist, da die neuronale Grundstruktur des Sprechens eines Erwachsenen mit ihren motorischen, psychogenen und teilweise neurotischen Einflüssen soweit ausgeprägt ist, dass grundlegende Änderungen unmöglich sind. Der Ansatz zielt von daher primär darauf ab, die stotternde Sprechweise anzunehmen, mit ihr leben und sie explizit modifizieren zu lernen. Die Vorgehensweise ist verhaltenstherapeutisch angelegt und umfasst Aspekte wie:

Dieser Ansatz wurde in den 30er Jahren an der University of Iowa entwickelt. Hauptvertreter ist der US-Amerikaner Charles Van Riper (1905 bis 1994), der als einer der Begründer der Logopädie (speech-language pathology) in den USA gelten kann. Ein Großteil seiner Schriften befasst sich mit dem Thema Stottern.

5.3. Sprechtechnischer Ansatz:

Demgegenüber steht ein Ansatz, der im Hinblick auf Anleihen aus Gesangs-, Atem- und Stimmtechnik auf das Erlernen einer »neuen« Sprechweise richtet. Ausgehend von der Beobachtung, dass die Mehrheit der Stotternden beim Singen oder beim Sprechen im Chor keine Probleme hat, werden klangvolleres Sprechen, Tongebung, Atemtechnik und rhethorische Aspekte eingeübt. Die Begründer sind hier Oscar Hausdörfer, Ronald Muirden, Erwin Richter und andere, wie Leonard Del Ferro.

5.4. Weitere Ansätze:

Viele weitere Therapien und therapeutische Ansätze verabsolutieren Teilaspekte wie Atemtechnik, Stimmgebrauch und Klangerzeugung oder arbeiten mit Hilfsmitteln wie Hypnose. Allerdings ist die Fachwelt uneins über die Wirksamkeit dieser Ansätze, wiewohl in der medialen Öffentlichkeit immer wieder »geheilte« Klienten vorgeführt werden. Darüber hinaus sind zwar einige Therapien mit exorbitanten Kosten verbunden und versprechen vollständige Heilung, schieben die Verantwortung für den Erfolg der Therapie allerdings vollständig dem Klienten zu.

Da es allerdings eine Binsenweisheit bei komplexen Verhaltensstörungen ist, dass der Klient in vielerlei Hinsicht sein eigener Arzt ist, hilft dies selten im Alltag und bei den - für Stotternde absolut normalen - Rückfällen.

6. Berühmte stotternde Menschen:

Für den Laien ist u. U. interessant, dass es – bei 1% Anteil der Bevölkerung und gleichzeitig einer Normalverteilung auf alle Bevölkerungsgruppen – viele berühmte Persönlichkeiten gab und gibt, die stottern.

Die folgende Liste ist daher unvollständig:

Winston Churchill, Rowan Atkinson, Scatman John, King George VI (Vater von Queen Elizabeth), Isaac Newton, Marilyn Monroe, Charles Darwin, Bruce Willis (mittlerweile »geheilt«), Demosthenes, vermutlich Apostel Paulus, möglicherweise Moses, James Earl Jones (Stimme von Darth Vader), Lewis Carroll. Stottern muss also nicht zwingend einen negativen Einfluss auf den beruflichen Erfolg und Aufstieg haben.