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Häufig gestellte Fragen im Zusammenhang mit Mutismus


Wenn das eigene Kind sich nicht so verhält wie alle anderen Kinder, ist das Erschrecken in der Familie oft sehr groß.

  • Warum schweigt mein Sohn oder meine Tochter bei manchen Menschen oder in manchen Situationen?
  • Zu Hause spricht mein Kind doch ganz normal!
  • Wie können Eltern ihrem Kind helfen?
Im Folgenden wollen wir einen kurzen Überblick über die häufigsten Fragen beim Störungsbild Mutismus geben:

Gerade in der Schule haben mutistische Kinder massive Probleme.

Viele Lehrer deuten das Schweigen oft als Provokation ,und die mutistischen Kinder selbst werden wegen ihres Schweigens nicht ihrer Leistung entsprechend benotet. Der Weg in die Perspektivlosigkeit nimmt seinen Lauf.

Die Sprache ist DAS Kommunikationsmittel aller Menschen.
Wenn nun gerade dieses Kommunikationsmittel von einer Störung betroffen ist, hat das natürlich sehr gravierende Auswirkungen auf das alltägliche Leben.
  • Weshalb spricht ein Mensch nicht, obwohl er sprechen kann?
  • Welche Inhibitionsmechanismen greifen beim partiellen oder totalen Mutismus ineinander, so dass das Kind, der Jugendliche oder Erwachsene seinen angeborenen Trieb, sich verbalsprachlich mit seiner Umwelt auseinandersetzen, mit ihr in Kontakt treten, sich selbst mitzuteilen zu wollen, nicht mehr anwenden kann, ihn nur noch in gedämpfter Form oder z.T. auch gar nicht mehr verspürt bzw. durch nonverbale Ersatzstrategien kompensiert?
Die Beschäftigung mit diesen Fragestellungen lässt schnell deutlich werden, dass der elektive bzw. totale Mutismus im Kindes- ,Jugend- oder Erwachsenenalter im Schnittpunkt medizinisch-psychiatrischer, psychologischer und sprachheilpädagogischer Sichtweisen und Erklärungsansätze liegt und damit in den meisten Fällen einer interdisziplinären Fokussierung und Betreuung bedarf. Die Sprachheilpädagogik erweist sich hier als Bindeglied zwischen den genannten Disziplinen, nicht zuletzt dadurch, dass sich das Schweigen häufig in Kombination mit sprachlichen Auffälligkeiten oder Bilingualismus (Zweisprachigkeit) -Problemfeldern zeigt und über die kommunikative Kompetenz hinaus der wiederkehrende Wunsch und Antrieb, Sprechen als etwas Wertvolles und als soziales Instrument zu begreifen, zentrales Anliegen sprachtherapeutischen Bemühens ist. Untersucht man das Bedingungsgefüge des individuellen Schweigens, so sind bei der Erstellung der jeweiligen Patienten- und Familienanamnesen drei Befundebenen zu berücksichtigen:

a) die somatologische (körperliche) Konstitution des Betroffenen bzw. der Familienangehörigen,
b) die psychologische Konstitution des Betroffenen bzw. der Familienangehörigen,
c) die sprachliche Konstitution des Betroffenen bzw. der Familienangehörigen.

Nach der Verteilung der möglichen psychophysiologischen ätiologischen (ursächlichen) Faktoren (s. Abb. unten) ergeben sich folgende Definitionen der Termini "totaler Mutismus" und "elektiver Mutismus":

TOTALER MUTISMUS

Der totale Mutismus ist eine nach vollzogenem Spracherwerb erfolgende völlige Hemmung der Lautsprache bei erhaltenem Hör- und Sprechvermögen, d.h. es liegen keine peripher-impressiven oder peripher-expressiven organischen Störungen vor sowie keine zentralen Schädigungen der am Sprechvorgang beteiligten Sprachzentren und der Innervation. Eine direkte Ursache ist nicht bekannt. Es kommen hier sowohl psychologische Faktoren (abweichende Problemlösungsmechanismen, Konditionierungsprozesse und Milieueinflüsse) als auch physiologische Faktoren (Entwicklungsstörungen, psychotische Grunderkrankungen und familiäre Dispositionen) in Frage, die zumeist in einer gegenseitigen psychophysiologischen Ergänzung zur Sprechverweigerung führen.

(S)ELEKTIVER MUTISMUS

Der (s)elektive Mutismus ist eine nach vollzogenem Spracherwerb erfolgende Hemmung der Lautsprache gegenüber einem bestimmten Personenkreis. Die Hör- und Sprechfähigkeit ist erhalten, d.h. es liegen keine peripher-impressiven oder peripher-expressiven organischen Störungen vor sowie keine zentralen Schädigungen der am Sprechvorgang beteiligten Sprachzentren und der Innervation. Eine direkte Ursache ist nicht bekannt. Es kommen hier sowohl psychologische Faktoren (abweichende Problemlösungsmechanismen, Konditionierungsprozesse und Milieueinflüsse) als auch physiologische Faktoren (Entwicklungsstörungen, psychotische Grunderkrankungen und familiäre Dispositionen) in Frage, die zumeist in einer gegenseitigen psychophysiologischen Ergänzung zur Sprechverweigerung führen.

Das verbindende Element zwischen den psychologischen und somatologischen Verursachungsfaktoren im Hinblick auf das Verständnis des Schweigens und seine Pathogenese (Krankheitsentwicklung) ist das Diathese-Stress-Modell (s.u.), einem aktuellen Paradigma in der Mutismus - Forschung. In der 1997 erschienenen Publikation wurde erstmals der von den Klinischen Psychologen Davison/ Neale begründete Ansatz auf das Mutismus - Syndrom übertragen und weiterentwickelt, in der Hoffnung, mit der paradigmatischen Verknüpfung von psychologischen und somatologischen Verursachungsfaktoren die Wechselhaftigkeit von Prädisposition und seelischer Verarbeitung von negativ empfundenen Umweltkonfigurationen herausarbeiten zu können und damit dem Verständnis dieses oft mystisch wirkenden Erscheinungsbildes ein weiteres Stück näher zu kommen.

Damit liegt ein Ansatz vor, mit dessen Hilfe konzeptionelle Einseitigkeiten bei der Interpretation des Mutismus prophylaktisch vermieden werden (wie etwa die Ausblendung medizinischer Sichtweisen) und der den mannigfaltigen psychophysiologischen Faktoren bei der Verursachung und Persistenz des mutistischen Verhaltens versucht gerecht zu werden.

Der Begriff "elektiver Mutismus" ist bisher in der angloamerikanischen Fachliteratur nicht ersetzt, sondern durch den Terminus "selektiver Mutismus" ergänzt worden. Die Bezeichnung "elektiver Mutismus" ist fester nosographischer (die Krankheit beschreibender) Bestandteil der ICD-10-Klassifikation (Tenth Revision of the International Classifikation of Diseases, Chapter V: Mental and Behavioural Disorders - including disorders of psychological development; deutsche Übersetzung: Dilling/ Mombour/ Schmidt (Hrsg.), Verlag Hans Huber, Bern Göttingen Toronto Seattle 1993, 1995) der WHO (World Health Organization).
Der ICD-10 Code lautet F 94.0.

Elektiver Mutismus:
"Diese Störung ist durch eine deutliche, emotional bedingte Selektivität des Sprechens charakterisiert. Das Kind zeigt seine Sprachkompetenz in einigen Situationen, in anderen definierten Situationen jedoch nicht. Meistens tritt die Störung erstmals in der frühen Kindheit auf, mit ungefähr gleicher Häufigkeit bei beiden Geschlechtern. Meist ist der Mutismus mit deutlichen Persönlichkeitsbesonderheiten , wie Sozialangst, Rückzug, Empfindsamkeit oder Widerstand verbunden. Typischerweise spricht das Kind zu Hause oder mit engen Freunden, ist jedoch in der Schule oder bei Fremden mutistisch. Es können aber auch andere Muster (einschließlich des umgekehrten) auftreten" (Dilling/ Mombour/ Schmidt 1993, 1995.) Als diagnostische Leitlinien werden vorausgesetzt:

1. Ein normales oder nahezu normales Niveau des Sprachverständnisses.
2. Eine Kompetenz im sprachlichen Ausdruck, die für eine soziale Kommunikation ausreicht.
3. Einen Beleg dafür, dass die betroffene Person in einigen Situationen normal oder fast normal sprechen kann und spricht .

Die internationale Klassifikation der WHO ordnet den elektiven Mutismus unter die Gruppe "Störungen sozialer Funktionen mit Beginn in der Kindheit und Jugend". Damit wird das Schweigen als soziale Störung beschrieben. Über eine Geschlechterspezifität ist sich die Fachliteratur nicht einig. Es lassen sich auf beiden Seiten zahlreiche Untersuchungen finden, die den Mutismus als primär männliches bzw. primär weibliches Phänomen darstellen oder keine signifikanten Geschlechtsunterschiede ausmachen können.
Nach der ICD-10 tritt der Mutismus "mit ungefähr gleicher Häufigkeit bei beiden Geschlechtern" auf.
Hinsichtlich der möglichen Verursachungsfaktoren können sieben Ansätze genannt werden:

psychophysiologische Faktoren: Diathese-Stress-Modell
psychologische Faktoren: Problemlösungsmechanismen
Lerntheoretischer Ansatz
Milieutheoretischer Ansatz
somatische Faktoren: Mutismus und Entwicklungsstörungen
Mutismus und Psychose
Mutismus und Disposition

Bei der Interpretation des ontogenetischen Hintergrundes des partiellen oder totalen Schweigens, ergibt sich die Kardinalfrage, weshalb gerade eine mutistische Symptomatik entstanden ist, d.h. warum das Kind, der Jugendliche bzw. Erwachsene entwicklungsbedingt oder als Reaktion auf ein Trauma nicht z.B. ausschließlich eine Stottersymptomatik, plötzliches Einnässen, Einkoten, (auto-)aggressive Verhaltensstrukturen oder andere Abweichungsmuster zeigt.

Warum reagiert der Betroffene ausgerechnet mit dem Schweigen?

Eine Antwort auf diese Frage ist die bei Mutisten sehr häufig vorzufindende Anhäufung von introvertierten, sozial zurückgezogenen, kommunikativ gehemmten Personen, die generationsübergreifend auf eine familiäre Disposition für den Mutismus schließen lassen.
Die diesbezüglich gemachten Erfahrungen bei von mir betreuten Familien mit mutistischen Kindern und Jugendlichen, sowie die in diesem Zusammenhang erhobenen Familienanamnesen decken sich mit zahlreichen internationalen bzw. nationalen Untersuchungen. Die Sprachentwicklung und der mit ihr verbundene Antrieb für kommunikative Interaktionen zeigt sich als locus minoris resistentiae, der schon bei geringen psychischen Erschütterungen mit Auffälligkeiten gerade im sozial-kommunikativen Bereich reagiert. Das bedeutet, dass für den elektiven bzw. totalen Mutismus eine Diathese beim Betroffenen angenommen werden kann.

MUTISMUS NACH DEM DIATHESE-STRESS-MODELL

Das Schweigen lässt sich nach dem Diathese-Stress-Modell als Folgeerscheinung von intrapsychischen Insuffizienzpotenzen und Negierungstendenzen gegenüber als bedrohlich empfundenen interaktionalen Geschehnissen interpretieren mit der Diathese der Prädisposition des Betroffenen bzw. der Familie für kommunikative Gehemmtheit.

Beispiel: Schweigt ein Kind in der Schule hartnäckig und häufig über Jahre hinweg, während es im familiären Umfeld spricht, lässt sich die mutistische Symptomatik nach dem Diathese-Stress-Modell derart interpretieren, dass
  • die primäre Einschätzung (primary appraisal) der Unterrichtssituation und die damit erfahrenen Anforderungen an kommunikative Kompetenzen, Dialogfähigkeit und rhetorisches Ausdrucksvermögen sowie

  • die zweite Einschätzung der eigenen Ressourcen (secondary appraisal) wie kommunikative Unsicherheit z.B. aufgrund von Artikulationsstörungen, Dysgrammatismen, Stottern oder Bilingualität zu einer derart starken Bedrohung führen, dass die einzige

  • unbewusste Copingstrategie das Vermeidungsverhalten Mutismus ist.

Die Bewältigung dieser als bedrohlich wirkenden Situation zeigt sich jedoch nur in jenen Fällen als vermeidendes Schweigen (und eben nicht als (auto-)aggressive Verhaltensstruktur, Clownerie oder andere Verhaltensauffälligkeit, s.o.), in denen eine (familiäre) Disposition für ein gehemmtes, kommunikativ zurückgezogenes, introvertiertes Verhalten zu verzeichnen ist. Abschließend sei darauf hingewiesen, dass in der internationalen Fachliteratur Einigkeit darüber besteht, dass der Mutismus nicht willentlich bedingt ist, sondern eine für Verhaltensstörungen typische Eigendynamik besitzt.

Das bewusste Schweigen wird einheitlich nicht unter dem Begriff "Mutismus" subsumiert. "Die Diagnose erfordert, dass das Unvermögen zu sprechen dauerhaft ist und dass eine Konsistenz und Voraussagbarkeit für die Situationen besteht, in denen gesprochen und nicht gesprochen wird" (ICD-10).

nach: Dr. Boris Hartmann, Niedergelassener Sprachtherapeut in Köln





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